

Eva Kaewnetara / Hans Uske
Migration und Alter
Auf dem Weg zu einer kulturkompetenten Altenarbeit
ISBN 3-927388-77-7
Ausstattung: br., 167 Seiten
Preis: 14.80 Euro
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Seit den 80er Jahren wird darüber diskutiert, was passieren muss, wenn Arbeitsmigrantinnen und -migranten ins Rentenalter kommen. Die Probleme, die für die Betroffenen, die Gesellschaft und die Einrichtungen der Altenhilfe entstehen, sind prognostiziert und es herrscht weitgehend Konsens über einen entsprechenden Handlungsbedarf.
So haben sich Verantwortliche in politischen Institutionen, Wohlfahrtsverbänden und auch der Forschung damit beschäftigt, wie Angebote der Altenhilfe dieser Situation gerecht werden können und wie sich die Bedürfnisse von älteren Migrantinnen und Migranten in die bestehenden Strukturen einpassen lassen.
Dazu wurden eine Reihe von Modellversuchen installiert, in denen neue Wege einer für Migrantinnen und Migranten offenen oder speziell auf sie bezogenen Altenhilfe erkundet wurden. Ihre Erfahrungen und Ergebnisse sind jedoch bisher kaum veröffentlicht, wichtiges Know-how geht so verloren.
Dieses Buch dokumentiert die in solchen Projekten gefundenen Antworten, ordnet sie ein, und macht sie für die Praxis zugänglich. Es enthält Beispiele erfolgreicher Praxis und Reflexionen der damit zusammenhängenden Probleme.
Einleitung
Das vorliegende Buch versammelt erfolgreiche Beispiele zur Verankerung von kultureller Kompetenz in der Altenpflege, es schildert die Praxis von Selbsthilfegruppen älterer Migrantinnen und Migranten und reflektiert Konzepte für die Zukunft eines auch für Migrantinnen und Migranten offenen Altenhilfesystems.
Seit den 80er Jahren wird in Teilen der Fachöffentlichkeit (vor allem innerhalb der Migrationssozialarbeit) darüber diskutiert, was es für die Gesellschaft insgesamt und insbesondere für das Altenhilfesystem bedeutet, wenn die Generation der „Gastarbeiter“ ins Rentenalter kommt. In den 90er Jahren hat es zahlreiche Modellprojekte und Studien zum Thema „Alte Migranten und Migrantinnen“ gegeben. Auch in der Politik ist das Thema seit längerem präsent. Bereits 1993 erklärte die damalige Bundesregierung, „dass mit der Zunahme der Zahl älterer Ausländer diese auch bei der Gestaltung der Seniorenpolitik stärker berücksichtigt werden müssen.“ Im aktuellen dritten Bericht zur Lage der älteren Generation und vor allem im 6. Familienbericht wird das Thema mit einer zum Teil sehr differenzierten Problemsicht behandelt.1
Auf der anderen Seite scheint die immer wieder erhobene Forderung an das Altenhilfesystem, sich auf die Bedürfnisse und die Pflege älterer Migrantinnen und Migranten vorzubereiten, weitgehend folgenlos geblieben zu sein. Die Praxis der ambulanten und stationären Altenhilfe, die Aus- und Weiterbildung der Pflegekräfte sowie die Altensozialarbeit sind über das Stadium von Modellprojekten kaum hinausgekommen. Weder kann von einer Implementation in den Alltag der Institutionen die Rede sein noch von angemessenen Lösungsstrategien der dort tätigen Akteure. Die manchmal durchaus vorhandenen guten institutionellen Voraussetzungen führen nicht dazu, Migranten in ausreichender Zahl für diese Institutionen zu gewinnen.
Was sind die Gründe dafür? Wie sehen angemessene Lösungsstrategien aus? Welche Vorbereitungen sind notwendig? Wie könnte eine nachhaltige Implementation aussehen, und welche Voraussetzungen müssten dazu geschaffen werden? Diesen Fragen gehen die Beiträge dieses Buches aus verschiedenen Blickwinkeln nach.
Im Rahmen dieses Sammelbandes können wir keine umfassende Darstellung aller Modellprojekte zum Thema „Ältere Migranten und Migrantinnen in Deutschland“ leisten. Regionaler Schwerpunkt ist Nordrhein-Westfalen. Und auch für diese Region haben wir Projekte, die bereits an anderer Stelle gut dokumentiert worden sind, nicht noch einmal aufgenommen. Wir haben möglichst unterschiedliche Beispiele ausgewählt, um die Vielfalt der möglichen Angebote für ältere Migranten und Migrantinnen darzustellen, aber auch um zu zeigen, wie unterschiedlich die Bedingungen sind, die zu Beispielen „guter Praxis“ führen.
Der erste Teil des Buches beleuchtet das Thema aus dem Blickwinkel der Praxis der Altenpflege:
Türkan Yilmaz schildert die Erfahrungen aus einem Modellprojekt der Arbeiterwohlfahrt in Essen beim Aufbau des internationalen Seniorenbüros. Sie veranschaulicht, wie kleinschrittig und arbeitsaufwendig die Aufbauphase einer Beratungsstelle sein sollte und welche besonderen Voraussetzungen bei der Ansprache von türkischen Migranten und Migrantinnen als Zielgruppe berücksichtigt werden müssen. Ilhan Bücrücü, Leiter eines ambulanten Pflegedienstes in Gelsenkirchen, schildert in einem Interview den besonderen Bedarf von Kunden und Kundinnen türkischer Herkunft bei der ambulanten Pflege und seine entsprechenden Angebote. Diese Angebote können in der Zukunft nur dann nachhaltig gängige Praxis werden, wenn „Interkulturelle Kompetenz“ bereits in der Ausbildung von Altenpflegerinnen und Altenpflegern gelehrt wird. Der Artikel von Wichtrud Frewer und Katrin Jäger berichtet von den Erfahrungen aus einem transnationalen Projekt, in dem ein Konzept zur Integration von interkultureller Kompetenz in den Regelunterricht der Altenpflege in Form von Kurzlehrgängen erstellt worden ist. Wie kulturkompetente Pflege unter den Rahmenbedingungen, die das Ausbildungscurriculum der Altenpflege in Nordrhein-Westfalen (NRW) setzt, im Fächerkanon integriert gelehrt werden kann, beschreiben Maria Becker-Reuter und Eva Kaewnetara. In ihrem Aufsatz werden Unterrichtsmaterialien vorgestellt, die im Rahmen eines Wuppertaler Modellversuchs entwickelt und erprobt wurden. Eine zentrale Frage dabei war: Wie kann es bei der Vermittlung von kultureller Kompetenz vermieden werden, in kulturelle Schablonen zu verfallen.
Der zweite Teil des Buches befasst sich mit Selbstorganisationen von älteren Migranten und Migrantinnen. Eine türkische sowie eine spanische Gruppe werden im Rahmen von Interviews vorgestellt. In beiden Gesprächen werden die Schwierigkeiten des Alltags von Selbsthilfegruppen deutlich, wenn es darum geht, Migranten auch nach 40-jähigen Aufenthalt in Deutschland die notwendige Bildung, Aufklärung und Information zur Verfügung zu stellen, die sie dazu ermächtigt, ihr Leben selbständig zu führen. Dies steht oftmals im Gegensatz zu den Zielen von Wohlfahrtsverbänden. Bis heute sind deren Konzepte eher an einer Klientelisierung ihrer Migranten orientiert, was der Notwendigkeit von Selbstorganisation noch einmal zusätzlichen Nachdruck verleiht. Dass dies auch deutsche Senioren betrifft, beispielsweise über die gezielte Zuteilung von Mitteln, beschreiben Mustafa Calikoglu und Frederike Müller als ein Fazit ihres Modellprojekts für eine multikulturelle Seniorenarbeit im Bochumer Stadtteil Dahlhausen.
Im dritten Teil des Buches werden die Voraussetzungen reflektiert, die auf inhaltlicher, bildungspolitischer, struktureller und institutioneller Ebene gegeben sein müssen, um eine kulturkompetente Pflege im Rahmen der deutschen Altenhilfe nachhaltig zu gewährleisten. Angelika Ertl stellt dar, wie sich Professionalität in der Pflege entwickelt hat und welcher Differenzierung sie bedarf, um den künftigen Anforderungen einer sich verändernden Lebenswelt von Patientinnen und Patienten gerecht zu werden. Anne Dietrich geht der Frage nach, wie interkulturelle Kompetenz im Gesundheits- und Altenpflegebereich vermittelt werden kann. Eva Kaewnetara und Hans Uske beleuchten die Voraussetzungen einer möglichen zukünftigen Praxis in einem an kultureller Kompetenz orientierten Altenhilfesystem. Forderungen, die sich aus den Beiträgen an Politik, Verwaltung und Institutionen der Ausbildung und Pflege in der Altenhilfe richten, werden in diesem Aufsatz zusammengefasst.
Mit diesem Buch wollen wir einen Beitrag zum Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Praxis leisten. Der Sammelband richtet sich einerseits an die Beschäftigten in der Altenpflege sowie andererseits an diejenigen, die mit der Aus- und Weiterbildung von Altenpflegern beauftragt sind. Darüber hinaus ist er von Interesse für Verantwortliche auf politischer Ebene und Fachleute aus allen Fachdisziplinen, die sich mit dem Thema Alter beschäftigen.
Entstanden ist dieser Band im Rahmen des Projektes „Älter werden in Deutschland“, das von 2000-2001 in Wuppertal statt fand. In dem Projekt, das vom Berufsfortbildungswerk des DGB (bfw) Wuppertal in Kooperation mit dem Duisburger Rhein-Ruhr-Institut (RISP) durchgeführt wurde, ging es darum, kulturkompetente Pflegekonzepte über die Aus- und Weiterbildung von Altenpflegern in den Pflegealltag von stationären und ambulanten Einrichtungen zu vermitteln. Finanziert wurde das Projekt vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Arbeit, Soziales, Qualifizierung und Technik und der Europäischen Union im Rahmen des Landesprogramms QUATRO. Allen, die am Zustandekommen des Projekts beteiligt waren und all denjenigen, die uns tatkräftig unterstützt haben, vor allem aber auch den Autoren und Autorinnen dieses Bandes sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt.
Die Herausgeber
Duisburg, im Oktober 2001
1Siehe hierzu: Bundesregierung (1993): Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der Abgeordneten Gerd Andres, Konrad Gilges, Gerlinde Hämmerle, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD – Drucksache 14/4009;
BMFSFJ (2000): Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Familien ausländischer Herkunft in Deutschland. Leistungen, Belastungen, Herausforderungen. Sechster Familienbericht, Berlin;
BMFSFJ (2001): dies: Dritter Bericht zur Lage der älteren Generation, Berlin









